Ein dorf zum leben

Inmitten von Wäldern, im Tal des hier noch kleinen Flüsschens Kamenice, liegt Kytlice. Es ist ein Dorf, das offenbar eine magnetische Wirkung besitzt. Denn wer einmal hier war, den zieht es immer wieder hierher zurück. Einstige Besucher kamen irgendwann zurück und blieben – als zufriedene Eigentümer von Lauben oder Wochenendhäusern. In diesen Wäldern muss es einfach etwas Besonderes geben. Denn könnten sich derart viele Schauspieler, Sänger, Schriftsteller, Theaterleute und Filmemacher auf einmal irren? Horníček, Brodský, Řehoř, Landovský und heute auch Fischerová, Obermanová, Černocká? Und mit ihnen weitere fast fünfhundert „Wochenendhäusler”. Also so viele, wie der Ort Einwohner hat? Ich glaube kaum. Sie alle wissen, warum sie zurückkehren - um dieser einzigartigen, unspektakulären, behaglich ruhigen Atmosphäre der Gemeinschaftlichkeit willen.

Schau der Lebensfreude

Ich weiß, diese Broschüre ist für Touristen bestimmt. Die sind in Kytlice auch gern gesehen. Und etwas zu bieten hat die Gemeinde allemal, aber ... Kytlice ist in erster Linie eine Gemeinde, die etwas für ihre Einwohnerschaft tut. Ganz gleich, ob man ständig oder nur hin und wieder hier wohnt. Es ist ein Dorf, in dem es sich gut leben lässt. So kann ich allen Touristen nur empfehlen, hierher zu kommen und eine Zeit lang hier zu bleiben. Schauen und hören Sie sich um, gehen Sie unter die Leute. Zwar riskieren Sie, von hier nie mehr weg zu wollen. Aber es lohnt sich dennoch. Denn in Kytlice (wohlgemerkt ein Dorf mit nicht ganz eintausend Seelen) gibt es: drei Theaterszenen (das Puppen- und das Bodentheater im Gemeindehaus und das Waldtheater unter freiem Himmel im Ortsteil Mlýny), einen Kirchenchor (in der Barockkirche St. Anton von Padua, der nebenbei bemerkt der Patron aller Reisenden, also auch aller Touristen ist), einen Ausstellungssaal mit regelmäßigen Ausstellungen, Jahrmärkte, Flohmärkte, die Apfelernte, einen Halloween-Umzug, Orgelkonzerte (auf einer Orgel, für deren Rekonstruktion die Einheimischen zu einem großen Teil selbst aufkamen), den Kytlicer Advent, das samstägliche Werkeln (ein Zirkel für geschickte Hände), Osterfreuden, Wettbewerbe um den „Ertrunkenen” des Jahres oder das bereits legendäre Weltbestenkraut in Mlýny (dabei kommen schon mal an die zwanzig miteinander konkurrierende Delikatessen zusammen), Fasching, Frauentag, einen Ball, fünf Gastwirtschaften mit täglichem Betrieb 22 und guter Küche ... Hätten Sie es eilig, von hier wegzukommen?

Vom Schüler zum Wassermann

Gut, es ist uns zwar nicht vergönnt, hier zu leben, mal reinzuschauen aber doch. Na dann mal los – zum Beispiel in das neu ausgestattete Gemeindehaus. Man merkt sofort, dass es früher eine Schule war. Im Erdgeschoss ist das Informationszentrum untergebracht. Schon beim Betreten überfällt einen das beklemmende Gefühl, die Hausaufgaben vergessen zu haben. So echt ist die Atmosphäre eines historischen Unterrichtsraums dargestellt. Nachdem all Ihre Fragen beantwortet sind, die ein Tourist in Kytlice und Umgebung haben kann, sollten Sie noch um zwei Dinge bitten – und dabei können Sie sich getrost auf mich berufen. Erstens – lassen Sie den hier deponierten Schrank öffnen. Er beherbergt nämlich eine wirklich tolle Schmetterlingssammlung. Zweitens – lassen Sie sich dann durchs Haus führen. Schauen Sie sich das Puppen- und Bodentheater an, aber vor allem: Werfen Sie einen Blick in den Klassenraum. Es ist, als wären Sie in Svěráks Film Volksschule gelandet. Alte Schulbänke, ausgestopfte Tiere, schulische Hilfsmittel, eine Tafel, Landkarten, alte Klassenbücher – einfach klasse! Dann sollte ein Spaziergang durch das Dorf folgen. An der wie auf Ladas Bildern anmutenden Kirche gehen Sie vorbei auf den kleinen Friedhof, auf dem sich Namen Sudetendeutscher mit den heutigen Namen mischen. Dies ist ein Friedhof der Toleranz, auf dem bis jetzt zur letzten Ruhe gebettet wird. Anregend ist auch der Kinderspielplatz mit fantasievollen Holzfiguren. Nicht verzichten sollten Sie auf das Waldbad am Mühlteich (Mlýnský rybník). Es ist eines der schönsten Naturbäder des Landes, geeignet zum Baden, für Bootsfahrten oder zum Ausruhen allgemein. Auch der von Jan Ryska (der auch hier geblieben ist) erdachte und beschriebene Wassermann Šmidrkal würde sich Ihren Wünschen anschließen. Er mimt ja hier quasi den stillen, hölzernen Gesetzeshüter. Sie könnnen auch einfach nur so durchs Dorf schlendern, um die hübschen Umgebindehäuser zu bewundern, die durch tatkräftigen Einsatz ihrer Besitzer vor dem Verfall bewahrt und in gutem Zustand erhalten wurden.

Pilzwälder und Keramiken

Die Umgebung von Kytlice ist sehr reizvoll. Man geht den Weg am Waldtheater vorbei durch das liebliche Tal an der Bělá bis zum von Wäldern gesäumten Teich Bělský rybník. Man kann auch mit dem Rad bis zum Teich Hraniční rybník fahren. Von hier kommt man zur Schwefelquelle unterhalb der Lausche. Schattige Wege am Fuße des Tannenberges (Jedlová) führen auch zum Naturdenkmal Pustý zámek, folgt man dem Strom des Flusses. Wenn Sie Pilzesammler sind, brauchen Sie kein Ziel. Laufen Sie einfach los und Sie werden in den Wäldern ganz gewiss fündig werden. Einen speziellen Tipp hätte ich allerdings noch: Gehen Sie auf der schmalen Waldstraße entlang in Richtung Chřibská nach Krásné pole. Hier steht gegenüber vom Buswendeplatz ein Umgebindehaus - die Pension Pod Železným vrchem (Unterhalb des Eisenbergs). Darin gibt es eine Töpferwerkstatt, in der die Chefin Havelková verschiedenste Keramiken für Haus und Garten herstellt. Sie empfängt gern Besucher, zeigt ihnen ihr Reich, und man kann nach vorheriger Vereinbarung auch mal an der Töpferscheibe das kunstvolle Handwerk ausprobieren. Sie erklärt gern, was Töpfererde ist und wie man damit umgehen muss, um daraus eine Schnecke, einen Frosch oder eine Eule zu formen. Wollen Sie mehr Zeit investieren, ist sogar ein mehrtägiger entspannender Töpferkurs möglich- ein intensives und wohltuendes Erlebnis. Ich habe den herben Geruch der Erde noch heute in der Nase.

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