Der das touristenparadies erfand

Man kann sich heute kaum mehr vorstellen, dass die Böhmische Schweiz einmal ohne Touristen war. Als die Maler Anton Graff und Adrian Zingg in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die romantische Felslandschaft erkundeten und ihr den Namen Sächsische Schweiz gaben, waren sie vielerorts die ersten Menschen, die deren Schönheit überhaupt sahen. Der Tourismus als solcher entwickelte sich dann während des neunzehnten Jahrhunderts und hatte, wie eine jede menschliche Tätigkeit, ihre Vorreiter. Für die Böhmische Schweiz war dies vor allem Edmund Moritz Clary-Aldringen.

Elisalex, femme fatale

Edmund, 1813 in Wien geboren, war Mitglied eines altehrwürdigen Fürstengeschlechts. Bereits mit achtzehn Jahren musste er nach dem Tod seines Vaters die Verantwortung für die gesamte Herrschaft übernehmen. Dazu gehörten damals die Kurstadt Teplice, Krupka, Benešov nad Ploučnicí und Bynovec. Als er achtundzwanzig Jahre alt war, bekam sein Leben einen neuen Sinn. Er heiratete ein wunderbares Wesen, die erst sechzehnjährige Schönheit Elisabeth Alexandra Ficquelmont. Elisalex, wie sie genannt wurde, war nicht nur eine gute Partie, sie war auch seine große Liebe. Schon ein Jahr nach der Hochzeit ließ er für sie im Schlosspark von Teplice inmitten des Sees eine romantische Insel mit Blumen und Bäumen errichten. Seine Bemühungen um den Aufschwung von Teplice und Umgebung erhielten einen neuen Impuls. Die Familienresidenz wurde zum Mittelpunkt von Besuchen bedeutender Persönlichkeiten aus ganz Europa.

Edmund war ein weiser und aufgeklärter Mann, ein liberaler Politiker. Er befreite die Bauern seiner Herrschaft von der Fronarbeit, noch bevor diese offiziell abgeschafft wurde. Er wurde k. u. k. Kammerherr, Geheimrat, Erbmitglied im Herrenhaus und war Ritter des Ordens vom Goldenen Vlies. Das Wichtigste in seinem Leben war jedoch Elisalex, wie seine reizende Gattin von allen genannt wurde. Das Leben ist jedoch zuweilen unendlich grausam. Elisalex brachte eine Tochter und drei Söhne zur Welt und starb im Alter von nur dreiundfünfzig Jahren im prunkvollen Palazzo Clary in Venedig.

Vom Falkennest zur Edmundsklamm

Für Edmund brach eine Welt zusammen. Später fand er einen neuen Lebenssinn: Unglaublich kreativ, ja fast fieberhaft, begann er mit der Entwicklung des Tourismus. Seiner Bynovecer Herrschaft gehörte auch Hřensko an, in dessen Umgebung Edmund alles fand, wonach er suchte. Einerseits war er selbst leidenschaftlicher Wanderer und bewunderte die Schönheit der Böhmischen Schweiz. Andererseits hatte er genügend Mut und Voraussicht, um sich mit Hingabe, ungeachtet der aufgewandten Mittel, in ein Unternehmen auf bisher fast unerforschtem Gebiet zu stürzen – auf das Gebiet des Tourismus. Das Jahr 1881 wurde zu einem Meilenstein seiner Bemühungen. Edmund, von Venedig her der Verhältnisse in Italien kundig, holte italienische Arbeiter, zu jener Zeit die weit und breit billigsten Arbeitskräfte, nach Böhmen, um zwei gewagte Projekte in Angriff zu nehmen. Schade, dass es heute keine ähnlich klugen Köpfe mehr gibt.

Das erste Projekt bestand in der logistischen „Kolonisierung“ des Děčíner Fujiyama – des Berges Růžák (Rosenberg). Dieser Basaltsolitär im Sandsteinmeer ist von überall zu sehen. Wie überwältigend muss der Ausblick von dort oben sein! Also ließ hier Edmund einen vier zehn Meter hohen, hölzernen Aussichtsturm errichten und – als weiser Unternehmer – daneben ein Restaurant. Zudem wusste er, dass es stets von Vorteil ist, Kapital mit Begeisterung – und nicht nur der eigenen – zu verbinden. Deshalb tat er sich mit der Sektion Růžová des Děčíner Gebirgsvereins zusammen. Von ihm kamen Geld, Material und Arbeiter, die Gebirgler markierten die Zugangswege und schufen das Aussichtspanorama. Heute sind sowohl Aussichtsturm als auch Restaurant spurlos verschwunden.

Zur gleichen Zeit wertete Edmund auch eine andere Investition auf. Vor mehreren Jahren hatte er den Weg zu dem Schmuckstück des Landstrichs, zum Prebischtor , pflastern lassen. Jetzt errichtete er hier ein Restaurant. Nicht etwa irgendein Restaurant, sondern das Ausflugsschlösschen Falkennest (Sokolí hnízdo). Fest an eine Felswand geschmiegt, ist es noch heute in Betrieb. Edmund ließ zudem einen sich von Mezní Louka her am Felsen vorbeischlängelnden Pfad abstecken und in Betrieb nehmen (benannt nach seiner Schwester Gabrielensteig). Damit entstand ein noch heute attraktiver Rundweg. Das Prebischtor wirkte wie ein Magnet. Herren im Frack und Damen in Krinolinen, selbstverständlich mit angemieteten Maultieren und Trägern, kamen in Scharen. Weise erhob Edmund Eintrittsgeld und führte die edlen Besucher nicht nur stolz zum Prebischtor, sondern auch zur Klamm des Flusses Kamenice in Hřensko. Hier gab es einen kurzen Weg, der am alten Wehr endete.

Die überwältigende Kulisse der Felswände, gleichsam von der Wasseroberfläche des unruhigen Flüsschens senkrecht gen Himmel aufstrebend, löste bei allen Besuchern Begeisterung aus. So ließ Edmund nach und nach Stationen errichten, die er nach Mitgliedern seiner Familie benannte. Allmählich begriff er, welches Potenzial die Klamm in sich barg. Ende der Achtzigerjahre stellte Edmund zweihundert Arbeiter ein, natürlich aus Italien - sogenannte Fels-Tunnelbrecher. Er ließ mit einem Kostenaufwand von siebzehntausend Gulden Zugangswege, Tunnel und ein neues Wehr errichten, investierte auch in Boote und sonstige Ausrüstung. Am 4. Mai 1890 konnte dann ein mit Booten schiffbarer Abschnitt eröffnet werden, der von nun an den Namen Edmundsklamm tragen sollte. Zwischen den Aussichtsplattformen auf dem Felsenmassiv gegenüber dem Prebischtor steht eine einfache Steinsäule. Sollten Sie dort einmal vorbeikommen, halten Sie für einen Augenblick inne und gedenken Sie in Dankbarkeit jenes Mannes, der 1894 in Teplice das Zeitliche segnete. Eines Mannes, der die Böhmische Schweiz zum touristischen Paradies machte.

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