Wie aus dem Märchen

Hinterhermsdorf 14 ist ein besonders anziehender Ort. Viele behaupten sogar, es sei das schönste Dorf in ganz Deutschland. Es liegt unmittelbar an der Grenze zu Böhmen, im Herzen des Nationalparks Sächsische Schweiz. Die meisten Touristen - und ich war keine Ausnahme - lassen sich von der bekannten Oberen Schleuse anlocken. Aber schon bei der Fahrt hinab ins malerische Tal ist mir klar geworden: Hinterhermsdorf ist viel mehr.

Durch Dorf und Wald

Ein Gang durch die Ortschaft gibt mir Recht. Folgt man dem gekennzeichneten Lehrpfad mit sage und schreibe einundsiebzig Umgebindehäusern, kommt man zur Heimatstube. Wer will, kann sogar kostenlos ein kleines Museum mit einer aufwendig rekonstruierten Waldarbeiterstube vom Ende des 19. Jahrhunderts besichtigen. Mit ein wenig Glück treffe ich hier den Nestor des hiesigen Fremdenverkehrs, Manfred Dittrich. Er begleitete mich durch das Dorf und versorgte mich quasi mit Informationen aus erster Hand. Zum Beispiel: über die sogenannte Waldhusche. Damit ist ein Waldgebiet mit zwei Rundgängen gemeint, das für die Information und Bildung bestimmt ist. Ein Rundgang ist sogar mit Kinderwagen befahrbar. Es gibt auch einen Kinderlehrpfad, den man viermal absolvieren kann, jedesmal mit neuen interessanten Fragen. Beliebt sind zudem ein Klettersteig für Kinder und ein Informationszentrum mit Ausstellung über den Wald. Eine große Rutsche zeigt, wie früher das geschlagene Holz talwärts transportiert wurde. Nach nur anderthalb Kilometern Fußmarsch mit mäßigem Anstieg gelangt man oberhalb des Dorfes zum Fuße eines Aussichtsturms - dem Weifbergturm. Wer ihn erklimmt, kann seinen Blick weit in die Ferne schweifen lassen. Die von Menschen geschaffenen Grenzen rücken auf einmal ganz weit weg. Soweit das Auge reicht, ist man von faszinierender, unteilbarer Natur umgeben – und bis nach Mikulášovice (Nixdorf) ist es zu Fuß nur eine knappe halbe Stunde!

Mit dem Boot zur Oberen Schleuse

Wie dem auch sei: Magischer Anziehungspunkt ist und bleibt die Obere Schleuse. In etwa 45 Minuten gelangt man in sanft abfallendem Gelände zur Anlegestelle der Ausflugskähne. Sie verkehren hier bereits seit dem Jahre 1879, dank einer Idee des Oberförsters Hermann Schlege. Er war es auch, dem die Markierung der Wanderwege und die Kahnfahrten selbst zu verdanken sind. Bis heute sind sie die Attraktion. Das ruhige Dahingleiten auf dem spiegelnden Wasser, hier und da unterbrochen von kleinen Inseln mit üppigen Grasbüscheln. Mystisch muten die steil aufragenden Felsen an - und über allem thront der Himmel ... Nach der Kahnfahrt kann man entweder den blau markierten Weg oberhalb der Kirnitzsch nehmen, geheimnisvolle Felstunnel durchwandern und die höchste Fichte Sachsens bestaunen. Die munter dahinplätschernde Kirnitzsch bleibt dabei meist in Sichtweite. Oder, was ich mir aussuchte, auf roter Markierung den Hang erklimmen. Eine schmale Stiege führt hinauf auf den Felsen Hermannseck. Man kann unter den Felsvorsprüngen herumklettern, sich durch die Klüfte zwängen, bis man zum Aussichtspunkt Königsplatz kommt, der uns die Schlucht in ihrer vollen Schönheit zeigt. Von der Endstation der Kähne aus kann man die Rückfahrt auch auf gleichem Wege über das Wasser antreten. Oder auf den Pfad am Hang zurückkehren, was all jenen zu empfehlen ist, die den anstrengenden Aufstieg nicht wagen möchten.

Unterwegs in der Kutsche

Den Weg zur Anlegestelle an der Schleuse können Sie jedoch auch ganz bequem genießen. Dazu nehmen Sie gleich hinter dem Dorf auf einem „Personenleiterwagen“ Platz und lassen sich von den Pferden bis hinunter an das Wasser ziehen. Auf eine solche Kutsche passen bis zu 18 Leute. Die Hinfahrt dauert ein halbes Stündchen und die Rückfahrt eine Dreiviertelstunde. Langweilen werden Sie sich dabei bestimmt nicht. Denn Sie sitzen an einem Tisch, können Bier oder Limonade bestellen und vielleicht auch ein Glas kühlen Sekt schlürfen... Wenn Sie das für eine gute Idee halten, dann sollten Sie auch wissen, wer darauf kam. Aus der Taufe gehoben wurden diese Ausflüge von dem Familienunternehmen Reiterhof Eschenbach. Als ich die Eschenbachs aufsuchte, stellte ich fest, dass sich auf ihrem Anwesen auch ein bemerkenswertes Museum landwirtschaftlicher Gerätschaften befindet (für eine Führung bezahlt man Eintritt, die selbstständige Besichtigung ist kostenlos). Das Familienoberhaupt war lange Zeit Sammler der oft über einhundert Jahre alten Exponate, bis aus der Sammlerleidenschaft schließlich das erwähnte Museum entstand. Die Eschenbachs bieten darüber hinaus die beliebten Pferdekutschfahrten durch die idyllische Umgebung an – entweder mit Picknick, das heißt mit ausgezeichnetem Kesselgulasch, Kaffee und Kuchen.. Oder Panoramafahrten - inklusive Aussicht und Erleben der Natur. Im Winter kann man eine Schlittenfahrt bestellen - das Gefährt hat neun Plätze und wird selbstverständlich von Pferden gezogen.

Mal richtig ausschlafen

Dem kundigen Touristen dürfte indes nicht entgangen sein, dass Hinterhermsdorf durchaus auch das Zeug zum längeren Verweilen hat. Deshalb sah ich mich nach einer geeigneten Unterkunft um. Dabei folgte ich einer Empfehlung und vertraute mich dem freundlichen Service des frisch sanierten Hotels Erbgericht an. Es befindet sich in einem historischen Gebäude direkt in der Ortsmitte. Hier bezog ich ein modernes, helles, komfortables Zimmer (neben siebzehn Doppelzimmern gibt es im Obergeschoss auch vier schöne Appartements). Und da ich vom vielen Laufen ziemlich erschöpft war, tat mir die Entspannung in der hoteleigenen Sauna richtig gut. Das Haus ist ein Familienhotel und, in der Tat, auch die Atmosphäre ist hier ausgesprochen familiär. Zum Wohlfühlen trägt vieles bei: die Außenterrasse mit dem großzügigem Grill, wenige Meter entfernt die tolle Badegelegenheit im ehemaligen Dorfteich, der in ein romantisches Bad mit Schwimmsteg verwandelt wurde. Strand, Kinderspielplatz und Kletterwand, alles ist kostenlos! Und das Essen? Der tschechische Koch macht natürlich echte böhmische Knödel, es gibt hausgemachtes Schweinegulasch, hausgemachte Sülze, sächsisches Beefsteak, Tatar im Krautblatt, eine hervorragende Soljanka mit Sahnehaube und traumhafte Pelmeni, selbstverständlich Schweinshaxe, „Herrenschnitzel“ mit Spiegelei und Zwiebeln. Und – noch jetzt spüre ich ihn auf der Zunge – ofenfrischen Apfelstrudel mit Eis ... Für Kinder gibt es eine spezielle Speisekarte und Malbücher – und aufgepasst – alles absolut behindertenfreundlich! Und dann sagt man – Landhotel.

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