Im Revier des Prager Hansl

Wenn man sich in Rumburk nicht auskennt, kann es leicht passieren, dass man an einem der Kreisel falsch abbiegt und nach wenigen Metern bereits nicht mehr in Tschechien ist. Das Oberlausitzer Städtchen Seifhennersdorf ist zwischen Rumburk und Varnsdorf buchstäblich eingeklemmt. Die Grenze verläuft hier derart im Zick-Zack, dass man sich selbst auf gerader Straße fahrend, plötzlich in Deutschland wiederfinden kann. Auf jeden Fall lohnt es sich, hierher zu kommen. Und warum? Sie befinden sich im sagenumwobenen Revier des Räuberhauptmanns Jan Karasek, genannt Prager Hansl.

Wer ist der Prager Hansl?

Der Name Karasek ist in Seifhennersdorf auf Schritt und Tritt anzutreffen. Der berühmteste Räuber und Schmuggler der Region ist keine erdachte Figur. Er wurde 1764 in Prag-Smíchov geboren und starb fünfundvierzig Jahre später in Dresdner Festungshaft. Der gelernte Tischler und Metzger hatte es schon bald auf kleine Räubereien abgesehen– in Mähren, in Slaný und beispielsweise auch in Chřibská. Dort wurde er von Soldatenanwerbern gefangen genommen und zum ersten Mal in eine Militäruniform gesteckt.

Bald desertierte er jedoch nach Sachsen und ließ sich in Leutersdorf nieder. Er wurde Chef einer zehnköpfigen Räuberbande, die, maskiert, mit falschen Bärten und geschwärzten Gesichtern auf einem recht großen Gebiet operierte – vom Schluckenauer Zipfel bis hin nach Frýdlant, von Görlitz bis ins Böhmische Paradies. Auf beiden Seiten der Grenze kursierten alsbald viele Legenden. Darin wurde Karasek als Wohltäter gepriesen, der den Reichen nahm und den Armen gab, der Kinder liebte und sogar Diebe bestrafte, die das einfache Volk auf Jahrmärkten bestahlen. Gern ließ er sich in schmucker Jägeruniform sehen. Das hatte ein jähes Ende, als er gefasst, in Bautzen eingekerkert und zum Tode verurteilt wurde. Das Todesurteil wurde in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt, die er in der Dresdner Festungshaft absitzen musste.

Karaseks Gebiet

In Seifhennersdorf können Sie ihm trotzdem immer noch begegnen. Wenn auf dem Markt plötzlich ein adrett ausstaffierter Karasek mit Flinte erscheint, dann ist das Heiner Haschke, der die ganze „Karasekmanie“ auf dem Gewissen hat, in der schmucken Uniform. Eigentlich schade, dass es nur noch wenige solcher begeisterungsfähigen Menschen gibt. Wenn man durch Seifhennersdorf geht, kann man nur staunen, wie er es geschafft hat, die sagenumwobene historische Person im Sinne des Ortes aufzuwerten. Haschke gründete und leitete viele Jahre lang das bekannte Karasek-Museum. Auch heute noch, bereits als Rentner, führt er als Prager Hansl Besucher durch das Museum.

Es befindet sich in der Nähe der Kirche und zeigt unzählige Erinnerungen sowohl an das Wirken Karaseks als auch typische Gebrauchsgegenstände jener Zeit. Der Besucher schlendert durch Stuben und Schlafzimmer, die so wirken, als hätten sie unsere Vorfahren eben erst verlassen. Man erfährt vieles über Umgebindehäuser, über Leben und Arbeit der Weber sowie über Leinanbau. Man sieht Millionen Jahre alte Fossilien, die in den Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts bei der Schieferförderung gefunden wurden. Damit aber noch nicht genug von Karaseks Einflussgebiet.

Wenn Sie ihr Fahrrad dabei haben, können Sie eine Rundfahrt auf dem anwechslungsreichen, einundzwanzig Kilometer langen Karasek-Radweg machen. Er führt um das Städtchen herum über Wiesen und durch Wälder, vorbei an schmucken Umgebinde- und anderen schönen Häusern. Zu Fuß kann man auf dem knapp fünf Kilometer langen Karasek-Ringlehrpfad wandern und sich danach in die Fluten des gepflegten Waldbades stürzen. Hier wird das Wasser von Solarkollektoren beheizt, Gaudi verbreiten zwei große Wasserrutschen. Nebenan lädt der romantische Silberteich zu einer Bootsfahrt ein. Wo aber ist Jan Karasek wirklich zu Hause? Auf dem weithin bekannten Karasek-Bauernmarkt natürlich. Der findet dreimal im Jahr statt - im März, im September und in der Adventszeit, auf dem einladenden historischen Bulnheimschen Hof, der auch eine Fotogalerie und einen Ausstellungssaal beherbergt.

Puppen und Eisenbahnen – wohin man sieht

Karasek entrinnen kann man hier wohl nur in zwei interessanten Familienmuseen. Familie Büttrich stellt im Puppenmuseum mehr als zweitausend Puppen jedweder Art aus. Die thematisch geordneten, schier unendlichen Puppenreihen zeichnen sich durch eine Besonderheit aus – es sind keine behüteten Zierpüppchen – nein, mit allen wurde früher einmal gespielt.

Das Eisenbahnmuseum wiederum ist das Werk von Familie Frey. Jeder Besucher wird ebenso wie ich davon begeistert sein. Über 150 Meter lang sind die Gleise, über die die Modelleisenbahn rattert. Es gibt auch eine Sammlung historischer und moderner Lokomotiven und Waggons sowie eine siebzig Meter lange Modelleisenbahn im Garten. Verlassen Sie jedoch diese Museen, sind Sie wieder auf Gedeih und Verderb dem Prager Hansl ausgeliefert. So zum Beispiel an den beliebten Kindertagen mit Karasek, die von halb Rumburk und Varnsdorf besucht werden. Denn was tut man nicht alles für strahlende Kinderaugen? Da haben Sie es: Einmal falsch abgebogen und schon entdeckt man, was man sonst unweigerlich verpasst hätte. Wäre doch schade gewesen, oder?

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