Faszinierende Welt der böhmischen Glaskunst

Die Böhmische Schweiz ist mit einem Bild zu vergleichen, das in einen kunstvollen Glasrahmen gefasst wurde. Das Glasmacherhandwerk ist hier so stark verwurzelt, dass selbst Kriege und politische Umbrüche ihm nicht viel anhaben konnten. Auch heute ist die Glaskunst noch sehr lebendig. Besonders intensiv zu erleben, wenn man einmal aus dem Bild heraustritt – bei Česká Kamenice etwa – und wenn man sich in Richtung Kamenický Šenov, Nový Bor und Lindava aufmacht.
 

Schönheit aus dem Höllenfeuer

Ist man mit dem Fahrrad auf dem beliebten Radwanderweg von Sloup in Richtung Cvikov unterwegs, winken einem schon weit vor Lindava die langen gläsernen Arme der Glashütte AJETO zu (in Wirklichkeit sind es originelle Lampen). Hier machen Sie auf jeden Fall Halt, denn nun beginnt unser Streifzug durch die Welt der böhmischen Glaskunst. Doch zuvor geht es erst mal hinein in die Gaststätte, nur ein paar Meter von der Glashütte entfernt in einer ehemaligen Scheune. Sie ist ideal zum Entspannen, Essen, Trinken und Genießen. Von der Terrasse bietet sich ein schöner Blick auf einen Teich mit Insel und gläsernem Springbrunnen. Wenden Sie sich dann vertrauensvoll an das Personal und buchen Sie eine Führung durch die Glashütte (jede volle Stunde). Am besten, Sie kommen vormittags, denn da stecken die Glasbläser so richtig in der Arbeit. Hat man erst einmal die umlaufende Galerie betreten, taucht man in eine faszinierende Welt ein, geprägt von Können, Geschicklichkeit und handwerklicher Meisterschaft. Und in eine ziemlich heiße Welt. So heiß, dass Ihnen die Glasbläsermeister mit ihren langen, in den feurigen Schlünden der Öfen erhitzten Pfeifen wie Teufel höchstselbst erscheinen mögen. Einige ihrer Arbeiten werden dieses Gefühl sogar noch verstärken. Es ist unglaublich, was die Glasbläser aus etwas so Zerbrechlichem entstehen lassen können. Kommt man am Nachmittag, erlebt man eine andere Szenerie: Man kann bis an die Öfen herangehen und mit etwas Glück den Stammmeister dabei beobachten, wie er den Glasstamm in die Öfen setzt. Der Glasstamm ist eine ganz besondere Mischung aus Sand, Soda, Pottasche und Kalzit, die in alchimistischer Manier mit einer Metallverbindung versetzt wird und für die Farbe des Glases nach der Schmelze im Ofen sorgt. Den Stammmeister mit seiner Schaufel am Ofen zu beobachten, ist ein Erlebnis von anderer Dimension. Riesige Staubwolken in der dunklen Glashütte, ein Feuer von Temperaturen bis zu unglaublichen 1400 Grad – markieren den Beginn eines Wunders, das um Mitternacht seinen Höhepunkt erreicht: Aus dem Stamm wird flüssiges Glas.
 
Nach der Rückkehr in die Gaststätte können Sie an einem der kleinen Öfen mit Hilfe eines Glasbläsermeisters und unter Einsatz Ihrer eigenen Atemluft sich selbst probieren. Dann wissen Sie wirklich, wie aus einer feurigen Masse ein Glas, eine Vase oder vielleicht auch gleich ein Humpen geformt wird. Ihr Erzeugnis wandert dann in den Kühlofen und kann am nächsten Tag abgeholt werden.
 

Gläserne Gastronomie

Nur wenige Kilometer von hier entfernt, in Nový Bor, findet man das magische Wort AJETO noch einmal. Hier schmückt es ein gern besuchtes und originelles Restaurant. Nicht irgendein Restaurant, keine „Abfütterung“, sondern einen kultivierten Ort mit internationaler Küche und einem täglichen Angebot an preisgünstigen Mittagsmenüs (auch am Wochenende). Und nun das Wichtigste – man tafelt vor einer gläsernen Wand, hinter der die Glasmachermeister geschäftig ihrer Arbeit nachgehen und vielleicht gerade Komponenten für Kronleuchter fertigen. Am Abend sind am Feuer entweder der Besitzer der Glashütte oder Glasmacher-Studenten anzutreffen – und auch da gibt es etwas zu sehen. Nach dem Dessert können Sie das Glasblasen auch mal aus eignener Kraft versuchen. Und es gibt hier noch mehr: Eine weitläufige Terrasse mit Kinderecke, auf der im Sommer gegrillt und musiziert wird, über dem Restaurant eine Galerie sowie eine repräsentative Verkaufsstelle, wo einzigartige Glaskunst bereits ab dreitausend Kronen erstanden werden kann. Es gibt aber auch Originale von anerkannten Glasmachermeistern, für die man bedeutend tiefer in die Tasche greifen muss. Es ist also klar, dass dieser Ort bei einer Wanderung auf den Spuren des Glases auf keinen Fall ausgelassen werden darf.
 

Zeitreise auf graviertem Glasweg

In Kamenický Šenov steht ein würdevolles klassizistisches Patrizierhaus. Darauf ist die Aufschrift Glasmuseum (Muzeum skla) zu lesen. Und tatsächlich ist hier seit 1968 eine bemerkenswerte Ausstellung von graviertem und geschliffenem Glas angesiedelt, verknüpft mit einer Leuchtenausstellung. Die Geschichte des Museumswesens von Kamenický Šenov ist jedoch bedeutend älter. Im Juni kommenden Jahres wird bereits der 90. Jahrestag begangen. So weit, so gut. So manchem würde diese Information genügen. Dabei fehlt jedoch das Wichtigste – nämlich, dass dieses Museum eine zarte gläserne Seele hat. Und zwar in den Menschen, die man hier trifft. Sie nehmen sich Ihrer freundlichst an, führen Sie durch die Ausstellung, zeigen Ihnen das vollendete Modell einer Glashütte, lassen Sie über einen gläsernen Stuhl staunen, der Ende des 19. Jahrhunderts für den Maharadscha von Hyderabad hergestellt worden war, erklären an der Graviermaschine, welcher Unterschied zwischen Gravieren und Schleifen besteht, und begleiten Sie auf einem außergewöhnlichen Weg durch die Zeiten. Dieser beginnt irgendwann gegen Ende des 17. Jahrhunderts, als der Rohstoff Glas eine Qualität erreichte, die ausgefallene, schmückende Gravuren erlaubte, und endet buchstäblich gestern. Sie wandern von Vitrine zu Vitrine und beobachten staunend, wie sich Mode, Formen, Glasstärke oder Dekorationsthemen ändern, um alsbald festzustellen, dass in jene gläsernen Artefakte zugleich auch ein Stück des Lebens der Menschen eingraviert ist, die sie einst erschufen. Zur Adventszeit gibt es etwas ganz Besonderes zu sehen – die alljährliche Weihnachtsausstellung, zumeist Werken hiesiger Einwohner..Vielleicht treffen Sie hier auch Kinder an, die nach dem Unterricht gern und oft ins Museum kommen, um zu zeichnen. Es ist eben ein Museum mit Seele.
 
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